Krimi, Thriller, Komödie | Erscheinungsjahr: 2025 | Geschaut: 2025 im Kino | Schauspieler: Austin Butler, Regina King, Zoë Kravitz | Regisseur: Darren Aronofsky | 1h 47min
Warum du niemals auf die Tiere deines Nachbarn aufpassen solltest
Eigentlich hätte ich an diesem Tag überall sein sollen, aber sicherlich nicht im Kino. Machen wir daraus eine kleine Szenenbeschreibung:
Eröffnungsshot, Kameraflug von oben übers Festivalgelände, wir stehen in der Schlange und warten auf den Einlass zum Konzert. Es war mein Geburtstag und meine aufmerksame Begleitung hatte mir zu diesem Anlass Konzertkarten von meinem Lieblingskünstler geschenkt. Wir hatten vorher eine Kleinigkeit gegessen und stellten uns etwas früher an, um gute Plätze zu bekommen. Doch da das Gelände ziemlich voll war und die Schlange schon recht lang, bat ich meine Begleitung, die Karten schon mal auf dem Handy zu öffnen, da das Netz bestimmt überlastet sein würde und das Laden länger dauern könnte. Gesagt, getan: Smartphone raus und es wurde geladen.
Als es neben mir plötzlich ziemlich ruhig wurde – und das für eine unüblich lange Zeit – schaute ich zur Seite. Augen so groß wie Golfbälle blickten mich an, Tränen unterlaufen. Sie drehte mir das Handy zu und in diesem Moment lief es mir das erste Mal kalt den Rücken runter. Auf dem Bildschirm waren die Konzertkarten zu sehen und darüber leuchtete in strahlendem Pink ein Kasten auf:
Karten. nur. ausgedruckt. gültig.
Das große Scrollen begann. Gibt es irgendwo noch eine Mail mit den Karten, die man vorzeigen kann? Hektisch wurde auf ihrem Handy die Boomer-Scroll-Bewegung ausgeführt. Der Kopf ratterte: Liegen die Karten zu Hause? Nein, nie welche bekommen. Also muss es ja eine Mail geben, mit der man sie hätte ausdrucken können. Doch es wurde nur eine Auftrags- und Bestellbestätigung gefunden. Die Schlange schritt voran und Panik machte sich neben mir breit. Was ist, wenn wir nicht reinkommen?
Dann standen wir vor dem Torwächter. Eine junge Dame schaute uns gespannt an und wollte die Tickets scannen. Mit zitternden Händen und gebrochener Stimme wurde das Handy vorgezeigt und der Sachverhalt erklärt. Die Wächterin hatte keine Befugnis, darüber zu entscheiden, schaute uns mit Bedauern und Mitleid an und verwies uns zur Kasse. Mit gesenktem Kopf und schwindender Hoffnung machten wir uns an der Schlange vorbei auf den Weg zur Kasse. Während wir erneut erklärten, was los ist, schaute uns Miss Finster aus Disneys Große Pause ziemlich unüberzeugt an. Die Stimme meiner Begleitung bibberte immer hörbarer und selbst die Geburtstagskarte zog nicht. Es fehlte die Ticketnummer und so lief es mir zum zweiten Mal an diesem Tag kalt den Rücken runter:
Da. kann. ich. leider. nichts. für. sie. tun.
Wir schauten uns an, sie mit Tränen in den Augen und ich lachend. Sie, weil sie traurig und beschämt war. Ich, weil dieses Szenario einfach so unglaubwürdig war. So eine banale Story hatte ich seit Ewigkeiten nicht erlebt. Da blieb mir nichts anderes übrig, als laut loszulachen. Gebrochen machten wir uns auf den Weg zum Auto. Mein Kopf ratterte weiter: Was hätten wir anders machen können? Gab es noch irgendeine andere Möglichkeit? Mir gingen die Worte von Miss Finster wieder durch den Kopf und da machte es Klick. Ich habe für die kommenden Jahre:
Jede. einzelne. Diskussion. gewonnen. Hattrick!
Es schauderte mich ein letztes Mal und ich war zufrieden. Einen Kampf verloren, aber dafür viele Kriege gewonnen. Wir suchten nach einer Alternative für den Abend und nach kurzer Überlegung machten wir uns auf ins Kino. Und was wir dort erleben sollten, ist vielleicht die größte Kino-Überraschung des Jahres.
Darren Aronofsky, ein Regisseur mit einem Spektrum, das sich weiter auseinanderdehnt als vielleicht das Universum selbst. Von existenziellen Dramen bis zu maximalem Wahnsinn ist bei ihm alles drin. Von seinem neuesten Werk Caught Stealing muss ich im Nachgang zugeben, hatte ich überhaupt nichts gehört und ging daher ohne jegliche Erwartungshaltung in den Film , schließlich dachte ich noch rund 20 Minuten vorher, ich würde gleich auf einem Konzert stehen.
Hank Thompson (Austin Butler) ist ein ehemaliger Baseballspieler, der in New York eher planlos durchs Leben treibt und plötzlich in einen kriminellen Strudel gerät. Durch eine scheinbar harmlose Entscheidung gerät er zwischen rivalisierende Gangster, Gewalt und moralische Grauzonen. Während er versucht, irgendwie heil aus der Situation herauszukommen, wird klar, dass jede Handlung Konsequenzen hat, und ein Entkommen aus diesem Chaos kaum möglich ist.
Der Film atmet 80er-Vibes. Nicht als billige Retro-Kopie, sondern als Gefühl. Körnung, Farben, Rhythmus, alles fühlt sich bewusst roh, direkt und leicht schmutzig an. Gleichzeitig ist das hier kein Abziehbild bekannter Genreklassiker. Man erkennt Einflüsse, ja, aber sie werden nicht kopiert, sondern neu zusammengesetzt. Humor und Ernsthaftigkeit laufen permanent nebeneinander her, manchmal schief, manchmal perfekt ausbalanciert. Der ganze Film strotzt vor Eindrücken, Gefühlen und Emotionen, doch nichts davon ist wirklich greifbar. Alles in Caught Stealing ist eigen, hat man so vorher noch nie gesehen oder gefühlt. Es ist schlicht gewöhnungsbedürftig – doch wenn man sich nicht darauf einlässt, verliert man den Film schnell.
Mit Austin Butler und Zoë Kravitz hat sich Caught Stealing eine Dynamik und Chemie angelacht, die so anziehend ist, dass man teils kaum auf die Leinwand schauen kann, ohne selbst dahin zu schmelzen. Austin Butler’s Hank Thompson ist dabei, ohne laut zu sein oder sich aufzudrängen, ein absoluter Blickfang. Er spielt eine Figur, die sich treiben lässt und gleichzeitig permanent unter Spannung steht, genauso eigen wie der Film selbst. Es geht um mehr als einen Plot oder Coolness, es geht um Entscheidungen, Konsequenzen und Identität. Gerade wenn man langsam in den Film hineinkommt und glaubt zu verstehen, wie er funktioniert und was er erzählen will, schlägt er noch einmal komplett um. Mit einer rohen Konsequenz, die selbst mich völlig überrascht hat.
Caught Stealing geht weit über das hinaus, was ein durchschnittlicher Hollywood-Film machen würde. Manche Momente wirken sperrig, fast absichtlich daneben. Aber selbst das fühlt sich ehrlich an. Das hier ist frisch, wirkt teils bekannt, aber doch komplett neu, auf eine wohltuende Art und Weise. Die Bilder sind stark komponiert, die Szenen durchdacht inszeniert und unglaublich einladend. Es ist ein Film, der dich reinzieht, festhält und nicht mehr loslässt.
Ich kann selbst nicht genau beschreiben, was es letztlich ist, ob es die Bilder sind, ob es ein fantastischer Austin Butler ist, ob es einfach dieser Gangsterfilm-Stil ist, den man lange nicht mehr gesehen hat, oder der Fakt, dass der ganze Tag nervenaufreibend war. Aber irgendetwas hat dieser Film mit mir gemacht. Er hat einen ganz gewissen Teil in mir berührt. Und so saß ich bei der Endszene im Kino und konnte aus irgendeinem Grund die Tränen nicht zurückhalten.
Am Ende bleibt zu sagen: Das hier ist ein Werk, das nicht perfekt ist, aber eines, das sich traut, eigen zu sein. Das Spaß macht, fordert und, zumindest bei mir, einen ganz bestimmten Nerv getroffen hat. Caught Stealing ist keine Kopie, kein Safe Play, sondern ein Risiko. Und genau deshalb fühlt er sich so besonders an. Für mich ganz klar: die Überraschung des Jahres.
Verfügbar bei: https://www.justwatch.com/de/Film/caught-stealing
