Sport, Drama | Erscheinungsjahr: 2026 | Geschaut: 2026 im Kino | Schauspieler: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A’zion | Regisseur: Josh Safdie | 2h 29min

9,2/10 Punkte Like

Amerikanischer Timo Boll

Ich glaube, ich habe selten einen Film gesehen, der mich gleichzeitig so gepackt und so erschöpft hat wie Marty Supreme. Und vielleicht liegt genau darin schon das Problem, oder eben die größte Stärke.

Denn dieser Film hat ein Tempo, das fast schon unangenehm ist. Nicht dieses klassische „schnell geschnitten, viel passiert“, sondern eher so ein permanenter Druck. Als würde der Film dir keine Sekunde Zeit lassen, wirklich irgendwo anzukommen. Szenen gehen ineinander über, Dialoge überschneiden sich, Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, und während man noch versucht, das alles zu greifen, ist der Film schon wieder drei Schritte weiter. Und genau das ist der Punkt: Marty Supreme will dich überfordern.

Im Zentrum steht die Figur Marty, gespielt von Timothée Chalamet, und ich glaube, ich habe selten so eine widersprüchliche Wahrnehmung eines Charakters gehabt. Auf der einen Seite hat er eine unglaubliche Dynamik, eine Energie, die dich sofort fesselt. Du willst ihm zuschauen, du kannst gar nicht anders. Und gleichzeitig ist da etwas… Abstoßendes. Etwas Unangenehmes. Fast schon Übergriffiges in seiner Art. Und vielleicht liegt es daran, dass er eigentlich genau das Gegenteil sein will. Das ist keine klassische Aufstiegsfigur. Eher jemand, der permanent versucht, alles richtig zu machen, und dabei konsequent die falschen Entscheidungen trifft. Der mutig ist, manchmal bewundernswert mutig, aber eben auch rücksichtslos. Nicht aus Bosheit, sondern aus dieser fast schon verzweifelten Überzeugung heraus, dass er weiß, was er tut. Und genau diese Überzeugung ist es, die ihn so gefährlich macht.

Er hat eine unglaubliche Überzeugungskraft. Man versteht, warum Menschen ihm folgen. Warum sie sich von ihm mitziehen lassen. Und gleichzeitig sieht man als Zuschauer schon lange, wohin das führt. In diese Abwärtsspirale, die sich immer weiter zuspitzt, ohne dass er es wirklich merkt, oder vielleicht nicht merken will. Und das Ganze wird von Chalamet so gespielt, dass man sich fast ein bisschen dabei ertappt, wie man ihm trotzdem die Daumen drückt, schon fast absurd.

Weil er in jeder Szene eigentlich alle anderen an die Wand spielt. Ohne dass es sich wie klassisches „Overacting“ anfühlt. Es ist einfach Präsenz. Kontrolle. Timing. Und trotzdem, und das ist fast noch beeindruckender, funktioniert das Ensemble um ihn herum erstaunlich gut. Das Casting ist mutig, teilweise ungewöhnlich, aber genau deshalb funktioniert es. Niemand wirkt fehl am Platz, alle bringen etwas Eigenes rein, und gerade in den Dialogen merkt man, wie gut das geschrieben ist. Diese Gespräche haben Tempo, Biss, manchmal auch eine gewisse Überforderung, aber sie tragen den Film.

Und trotzdem hatte ich zwischendurch immer wieder das Gefühl, dass das alles ein bisschen zu viel wird. Der Film überflutet einen regelrecht. Ereignisse, Figuren, Schnitte, Dialoge, es passiert so viel gleichzeitig, dass man kaum hinterherkommt. Und ja, das ist gewollt. Aber es führt eben auch dazu, dass man als Zuschauer manchmal einfach nur noch versucht, nicht den Anschluss zu verlieren. Man wird mitgerissen, im besten Sinne, aber eben auch ein Stück weit überrollt. Vielleicht liegt es daran, dass der Film sich kaum Pausen erlaubt.

Und genau da merkt man dann auch die Laufzeit. Nicht, weil er langweilig wird, ganz im Gegenteil. Sondern weil dieses konstante Level an Intensität irgendwann einfach anstrengend wird. Es gibt kaum Momente zum Durchatmen, kaum Szenen, die einen mal kurz rauslassen. Und so sehr ich das bewundere, so sehr habe ich mir zwischendurch genau das gewünscht.

So wie ich mir übrigens auch ein paar mehr Tischtennis-Szenen gewünscht hätte. Klingt erstmal banal, aber die Momente, in denen der Film sich wirklich darauf konzentriert, sind unglaublich stark. Visuell, inszenatorisch, fast schon hypnotisch. Da zeigt der Film nochmal eine ganz andere Seite, eine, die er gerne öfter hätte zeigen dürfen. Aber vielleicht hätte das auch den Rhythmus gebrochen.

Was man dem Film auf keinen Fall absprechen kann, ist seine Inszenierung. Die Bilder, die Kameraarbeit, das ist alles auf einem Level, das einen sofort in diese 70er-Jahre-Ästhetik reinzieht. Körnig, roh, lebendig. Es fühlt sich nicht wie ein Film über diese Zeit an, sondern wie ein Film aus dieser Zeit. Und genau deshalb funktioniert das im Kino so gut. Das ist keiner dieser Filme, die man nebenbei schauen sollte. Der braucht die große Leinwand, den Sound, dieses komplette Eingesogen-Werden. Weil er einen nicht nur erzählt, sondern regelrecht überrollt.

Vielleicht ist das am Ende auch mein größtes Gefühl zu Marty Supreme. Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles daran mag. Ich bin mir nicht sicher, ob der Film immer die richtigen Entscheidungen trifft. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er etwas wagt. Dass er Grenzen austestet. Dass er dich nicht in Ruhe lässt. Und genau deshalb bleibt er hängen. Ein Film, der dich packt, dich überfordert, dich manchmal sogar ein bisschen abstößt, und den du trotzdem nicht loswirst. Vielleicht ist das am Ende mehr wert als ein Film, der einfach nur „funktioniert“.

Verfügbar bei: https://www.justwatch.com/de/Film/marty-supreme