Drama, Komödie | Erscheinungsjahr: 2016 | Schauspieler: Phoebe Waller-Bridge, Sian Clifford, Jenny Rainsford | Regisseur: Tim Kirkby, Harry Bradbeer

  1. Staffel 6 Folgen
  2. Staffel 6 Folgen

”Ich mache mir manchmal Sorgen, dass ich nicht so eine große Feministin wäre, wenn ich dickere Titten hätte.”

Gastrezension

Fleabag ist eine britische Dramedy- Serie, geschrieben und gespielt von Phoebe Waller-Bridge. Es geht um eine junge Frau in London, die versucht, mit Familie, Freundschaften, Liebe, Verlust und einer sehr eigentümlichen Beziehung zu sich selbst klarzukommen. Humor und Schmerz halten sich dabei in einem Tanz die Waage, der ebenso ungemütlich wie verführerisch ist.

Fleabag startete nicht als Serie, sondern als Ein-Frau-Theaterstück. Eine Bühne, ein Stuhl, eine Frau, die das Publikum direkt anspricht und in ihr chaotisches, schamloses, ehrliches Innenleben hineinzieht. Phoebe Waller-Bridge schrieb den Text zunächst für sich selbst, die Figur „Fleabag“ als eine Art Ventil, ein Anti-Ich, das alles ausspricht, was man im Alltag eben nicht sagt. Man spürt in jeder Szene, dass hier keine sterile Writers-Room-Energie herrscht oder zehn Männer alleine versuchen, die Komplexitäten des Lebens einer Frau darzustellen, sondern dass die Serie den Herzschlag einer Einzelperson trägt.

Eines der größten Genies von Fleabag ist, dass es toxische, komplizierte Beziehungen nicht nur zeigt, sondern sie gleichzeitig weder verherrlicht noch verlacht. Sei es die eigene Familie oder die romantische Fixierung auf Männer, die im besten Fall „interessant“ und im schlimmsten Fall eine tickende Katastrophe sind. Die Serie versteht es wundervoll zu zeigen, wie wir Menschen uns in den eigenen Untergang verlieben – und zwar mit offenen Augen. Fleabag versetzt dich in Szenen, die so unangenehm ehrlich sind, dass man sich kaum traut, auf den Bildschirm zu schauen. Ein Beispiel: das Familienessen in Staffel 2. Eine Orgie aus passiv-aggressiven Spitzen, unausgesprochenem Hass und fehlplatzierten Geständnissen. In dieser Familie wird Liebe oft in Gesten von Zurückweisung, Schuldzuweisungen oder peinlicher Distanz gemessen. Man sitzt da, rutscht auf der Couch hin und her und denkt: „Bitte lass es vorbei sein.“ Aber man kann nicht wegsehen – genau das ist die perfide Magie.

Tiefe Depressionen? Ja. Traumatischer Verlust? Der Grundstein der Handlung. Der unbändige Drang, einen Priester zu ficken? Hier bitte: Andrew Scott. Fleabag hält vor nichts zurück. Wo andere Serien längst die Grenze ziehen, zoomt Phoebe Waller-Bridge noch einmal ran. Es geht um das ewige Ringen zwischen Selbstbestimmung und Selbstzweifel, zwischen dem tiefen Wunsch nach Autonomie und dem leisen Verlangen, dass endlich mal jemand kommt, der dir sagt, was du morgens anziehen oder zum Frühstück essen sollst. Die Serie zeigt, dass Feminismus nicht immer glänzend und stark aussieht, sondern manchmal einfach ein verkatertes Schlurfen in die nächste falsche Entscheidung ist.

Auch die Darstellung von Sexualität ist erfrischend roh. Kein Glamour, kein Filter, sondern die ganze ungemütliche Wahrheit: das Bedürfnis nach Bestätigung und die Scham, die danach einsetzt. In Fleabag ist Sex selten romantisch, noch seltener erfüllend – er ist ein Handel. Ein Geschäft, bei dem die Hauptfigur ihre Selbstachtung gegen kurzfristige Bestätigung eintauscht.

Und genau hier setzt der Priester ein – als ultimative Eskalation dieser Suche nach Bestätigung. Andrew Scott als Priester ist für mich vielleicht die beste Besetzung seit langer Zeit: Er verstärkt nicht nur die Spannung der Serie, er sprengt sie. Phoebe Waller-Bridge wusste genau, was sie tat. Sie gab uns den einen Mann, den man nicht haben darf, und besetzte ihn mit einem der wenigen Schauspieler, bei dem man kollektiv denkt: Na gut, vielleicht ist ein bisschen göttliche Strafe es schon wert. Und dann natürlich das Finale: Fleabags verzweifeltes „Ich liebe dich“, das auf eine Antwort trifft, die brutaler ist als jeder Verrat. Ein schlichtes: „Das geht vorbei.“ Es ist diese Schonungslosigkeit, die einem das Herz bricht, während man gleichzeitig anerkennt: Ja, genau so ehrlich muss es manchmal sein.

Fleabag ist längst Kult. Emmy Awards, Golden Globes, BAFTAs – die Serie wurde mit Preisen überschüttet, und das vollkommen zu Recht. Man spürt in jeder Szene, dass hier etwas entstanden ist, das selten ist: Kunst, die gleichzeitig roh, brutal, urkomisch und zutiefst menschlich ist. Sie ist brillant darin, das Tragische ins Komische zu ziehen und das Komische ins Tragische kippen zu lassen. Und ja, du wirst dich wahrscheinlich unbehaglich fühlen. Vielleicht erwischst du dich bei Gedanken, die du lieber nicht zugeben würdest. Aber genau das ist die Kraft dieser Serie: Sie ist schonungslos, sie ist unbequem – und vor allem ist sie faszinierend.

~ S.L. Roseberg

Verfügbar bei: https://www.justwatch.com/de/Serie/Fleabag