Horror, Mystery, Romantik | Erscheinungsjahr: 2026| Geschaut: 2026 im Kino | Schauspieler: Michael Johnston, Inde Navarrette, Cooper Tomlinson | Regisseur: Curry Barker | Laufzeit: 1h 49min
★ 9,5
Die neue obsession ist Obsession

Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal im Kino saß und mich so oft erschrocken habe. Und ich meine damit nicht diese typischen Jump-Scares, bei denen einfach nur plötzlich etwas ins Bild springt und ein lauter Ton erklingt. Sondern diese Art von Schreckmomenten, die sich langsam aufbauen. Die dich erst unruhig machen und dann genau im richtigen Moment zuschlagen. Obsession macht genau das. Und vielleicht ist das der Grund, warum dieser Film für mich schon jetzt zu den größten Überraschungen des Jahres gehört.
Wir begleiten Bear (Michael Johnston), der sich nichts sehnlicher wünscht, als mit seiner großen Liebe Nikki (Inde Navarrette) zusammen zu sein. Als sich dieser Wunsch auf scheinbar übernatürliche Weise erfüllt, verwandelt sich die anfängliche Romanze jedoch zunehmend in einen psychologischen Albtraum.
Je weiter die Beziehung eskaliert, desto stärker verschwimmen Liebe, Kontrolle und Besessenheit. Der Film verbindet übernatürlichen Horror mit einer Geschichte über toxische Beziehungen und stellt die Frage, wie weit Menschen gehen, um an einer Liebe festzuhalten, die vielleicht nie hätte existieren sollen.
Ich wusste natürlich, dass der Hype um den Film riesig ist. Zwei Jahre lag er gefühlt in der Warteschlange. Seit den ersten Festivalvorführungen wurde immer wieder darüber gesprochen und selbst jetzt scheinen die Zuschauerzahlen nicht abzureißen. So sehr, dass sogar der digitale Release auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, weil die Kinozahlen einfach nicht einbrechen wollen. Im Gegenteil. Und das baut Erwartungen auf. Erwartungen, an denen viele Horrorfilme am Ende scheitern.
Doch schon nach wenigen Minuten im Kino war dieses Gefühl verschwunden. Weil Obsession etwas schafft, das Horrorfilme in den letzten Jahren nur noch selten geschafft haben. Atmosphäre. Nicht diese künstlich erzeugte Anspannung, sondern dieses permanente Unbehagen. Sobald Bear (Michael Johnston) dieses Haus betritt, sitzt man eigentlich nur noch da und wartet darauf, dass irgendetwas passiert. Und genau dieses Warten macht den Film so unangenehm.
Man weiß nie, wann es passiert. Aber man weiß, dass es passieren wird.
Und wenn es dann passiert, trifft es einen mit voller Wucht. Die Szene, in der Nikki (Inde Navarrette) im puppenhaften Stil rückwärts läuft. Der Moment am Bett, wenn sie einfach nur in der Ecke steht und schreit. Ich habe selten erlebt, dass ein ganzes Kino gleichzeitig so zusammenzuckt. Und genau das ist der Unterschied. Der Film erschreckt nicht laut. Er erschreckt klug.
Dabei wäre das alles wahrscheinlich nur halb so effektiv, wenn nicht Inde Navarrette eine der beeindruckendsten Leistungen des Jahres abliefern würde. Ihre Wechsel zwischen Nikki (Inde Navarrette) und ihrer besessenen Version sind erschreckend gut. Teilweise reicht eine kleine Veränderung ihrer Mimik und innerhalb weniger Sekunden wirkt sie wie ein komplett anderer Mensch. Vom sympathischen Mädchen von nebenan bis zu diesem manischen Grinsen, das einen wahrscheinlich noch Tage später verfolgt. Für mich ist das eine Performance, über die man durchaus im Zusammenhang mit den Oscars sprechen darf.
Und trotzdem wäre Obsession nur ein sehr gut inszenierter Horrorfilm, wenn da nicht noch etwas anderes wäre. Denn je länger der Film läuft, desto deutlicher wird, dass es hier eigentlich gar nicht um Dämonen oder Besessenheit geht. Es geht um Beziehungen. Oder vielleicht eher darum, was passiert, wenn Liebe zu Besessenheit wird.
Ich glaube, fast jeder kennt dieses Gefühl. Irgendwann im Leben gab es wahrscheinlich diese eine Person, bei der man sich gewünscht hat, dass sie einen genauso liebt, wie man selbst sie. Obsession nimmt genau diesen Gedanken und überzeichnet ihn bis ins Absurde. Und genau dadurch funktioniert er so gut. Man kann den Film als Warnung verstehen. Davor, Menschen besitzen zu wollen. Davor, Liebe erzwingen zu wollen. Oder vielleicht noch einen Schritt weiter. Dass manche Dinge einfach nicht sein sollen.
Dass man sich selbst nicht über die Liebe einer anderen Person definieren darf.
Und genau deshalb trifft der Film gerade heute so einen Nerv. Beziehungen, toxische Dynamiken, emotionale Abhängigkeiten. Das sind Themen, denen man auf Social Media mittlerweile ständig begegnet. Fast jeder hat so etwas schon einmal erlebt oder zumindest mitbekommen. Und genau deshalb fühlt sich manches hier so unangenehm echt an.
Besonders Bear (Michael Johnston) fand ich dabei unglaublich spannend. Viele werden wahrscheinlich sagen, dass seine Entscheidungen nicht nachvollziehbar sind. Dass er viel zu lange wegschaut. Dass er Dinge ignoriert, die längst offensichtlich sind. Und ich glaube, genau deshalb funktioniert die Figur. Er will das alles gar nicht sehen. Weil er endlich das bekommen hat, was er sich immer gewünscht hat. Erst als das Fass endgültig überläuft, beginnt er zu begreifen, was eigentlich passiert.
Wenn dann die Situation es verlangt, dass Bear (Michael Johnston) ein wenig mehr Arbeit leisten müsste, um sich daraus zu manövrieren, dann lässt er das Ganze lieber sein und bleibt bequem. Auch hier ist das wieder ein schöner Kommentar an uns, dass auch wir häufig lieber den einfacheren Weg des geringsten Widerstands gehen, als uns Mühe zu geben und an unseren Beziehungen zu arbeiten. Das alles spitzt sich dann auch im Finale wieder zu, wenn auch dort Bear (Michael Johnston) erneut kneift und es nicht wirklich zu Ende bringen kann.
Dabei kommt das Thema Machtverhältnisse wieder ins Spiel, das eine zentrale Rolle in diesem Film hat. Bear (Michael Johnston) war vorher der Unterwürfige und hat alles versucht, um Nikki (Inde Navarrette), die in seinen Augen über seiner Liga spielte, für sich zu gewinnen. Doch nun ist er der dominante Part in der Beziehung, da er Macht über sie hat.
Besonders die Szene, in der sie nachts schläft und die echte Nikki (Inde Navarrette) Bear (Michael Johnston) anfleht, sie zu töten, ist für mich eine unglaubliche Darstellung und Metapher für Menschen, die in einer toxischen oder vielleicht auch gewalttätigen Beziehung leben. Sie haben quasi keine Macht, keine Wahl und in Nikkis (Inde Navarrette) Fall, aber durchaus auch in realen Beziehungen, scheint der Tod der einzige Ausweg zu sein. Diese Szene hat mich in Mark und Bein erschüttert, weil sie zunächst so unscheinbar wirkt und dennoch so lange nachhallt.
Mit dem anschließenden Satz von Bear: „Ist es so schlimm, mit mir zusammen zu sein?“ und Nikkis Antwort: „Ich war nie in einer Beziehung mit dir.“
schließt Bear (Michael Johnston) auch seine finale Entwicklung zum Antagonisten ab. Im Gegenzug versucht die besessene Nikki (Inde Navarrette) mit ihrer überschwänglichen Liebe auf ihre Art und Weise Kontrolle über die Beziehung zu übernehmen. Das steigert sich schließlich bis in den Wahnsinn und noch weit darüber hinaus.
Auch inszenatorisch merkt man Curry Barker seine Vergangenheit an. Wer seine Kurzfilme kennt, weiß, wie sehr ihn genau diese Themen schon immer beschäftigt haben. Beziehungen, Horror, übersinnliche Elemente und Comedy. Auch hier verschwimmen diese Genres ständig miteinander und sorgen für ein extremes Unbehagen. In Obsession gibt es immer wieder Szenen und Dialoge, bei denen man gar nicht so recht weiß, ob man lachen oder Angst haben soll.
Und genau dieses Timing beherrscht Barker unglaublich gut. Oft muss die Kamera gar nichts machen. Sie bleibt einfach stehen und lässt die Situation wirken. Die Schauspieler erledigen den Rest. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich Obsession so modern anfühlt. Nicht, weil der Film das Horror-Genre komplett neu erfindet. Sondern weil er bekannte Muster nimmt und ihnen eine andere Bedeutung gibt. Weil hinter fast jeder Szene noch ein zweiter Gedanke steckt.
Und das zieht sich konsequent bis zum Ende. Der Film nimmt keinen einfachen Ausweg. Er bleibt seiner Linie treu. Dieses Ende tut weh. Aber genau deshalb passt es so gut zu allem, was vorher passiert. Für mich ist Obsession schon jetzt ein moderner Horrorklassiker. Einer dieser Filme, über die man noch lange nach dem Kinobesuch nachdenkt. Nicht nur wegen seiner Schreckmomente, sondern wegen allem, was darunter liegt. Und wenn Curry Barker diesen Weg in zukünftigen Filmen weitergeht, dann könnte hier gerade etwas entstehen, das weit über einen einzelnen Horrorfilm hinausgeht. Ich hoffe nur, dass er sich genau das bewahrt, was Obsession so besonders macht: den Mut, unbequem zu sein.
Verfügbar bei: https://www.justwatch.com/de/Film/obsession-2026

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