Horror, Science-Fiction, Mystery | Erscheinungsjahr: 2026 | Geschaut: 2026 im Kino | Schauspieler: Chiwetel Ejiofor, Renate Reinsve, Mark Duplass | Regisseur: Kane Parsons | Laufzeit: 1h 51min
★ 7,1
Die Räume im inneren

Ich hatte das Gefühl, dass wir dieses Jahr gleich zwei Filme haben, über die plötzlich jeder spricht. Nicht wegen riesiger Marketingkampagnen oder großer Stars, sondern weil sie sich ihre Aufmerksamkeit einfach verdient haben. Backrooms ist genau einer Film. Ein Film der extrem bedrückend auf seiner ganz eigene Art und Weise ist. Nicht das nicht durch permanente Schockmomente oder irgendwelche lauten Jump-Scares.
Clark ist Möbelverkäufer bei dem es einfach nicht mehr so richtige laufen will. Als er eines Abends im Keller des Möbelladends einen Spalt in der Wand entdeckt, findet er dahinter einen Zugang zu den Backrooms, ein Ort der einem Labyrinth aus Büroräumen gleicht. Dort verschwimmen Wahrnehmung, Erinnerungen und Wirklichkeit zunehmend miteinander, während das Mysterium der Backrooms immer größer wird.
Und der Film weiß genau, wie man damit spielt. Dabei nimmt er sich Zeit. Sehr viel Zeit. Das merkt man schon bei der Eröffnungssequenz, sie baut Schicht für Schicht eine Atmosphäre auf, die einen immer weiter einengt. Man spürt förmlich, wie das Unbehagen größer wird, obwohl eigentlich kaum etwas passiert. Und genau das macht Backrooms so besonders.
Der Horror entsteht nicht vor der Kamera. Er entsteht in unserem Kopf.
Immer wieder wird der Blick eingeschränkt. Flure verschwinden hinter Wänden. Räume werden nur halb gezeigt. Die Kamera bleibt bewusst an Stellen stehen, an denen wir gerade eben nicht alles sehen können. Dazu kommen gezielt eingesetzte Soundeffekte und immer wieder Found-Footage-Momente, die einen noch tiefer in dieses Labyrinth hineinziehen. Plötzlich stellt man sich permanent dieselben Fragen. „Was ist hinter dieser Ecke?“ „Woher kam gerade dieses Geräusch?“
Und genau diese Unsicherheit trägt den gesamten Film. Besonders spannend finde ich dabei, dass Kane Parsons genau verstanden hat, warum die Backrooms überhaupt so faszinierend geworden sind. Sie leben vom Nichtwissen. Von Theorien. Von unbeantworteten Fragen.
Und genau deshalb versucht der Film gar nicht erst, alles zu erklären. Es ist fast egal, wann genau die Geschichte spielt oder warum ausgerechnet dieser Möbelladen mit den Backrooms verbunden ist. Andere Filme hätten daraus zwanzig Minuten Exposition gemacht. Backrooms interessiert das nicht.
Und genau dadurch fühlt sich das alles so angenehm frisch an. Vielleicht liegt das auch daran, dass hier eben kein Studio versucht hat, das Phänomen neu zu erfinden. A24 ist stattdessen direkt zu seinem Ursprung gegangen und hat Kane Parsons selbst den Film inszenieren lassen. Der Mann, der mit seinen Kurzfilmen 2022 diesen riesigen Hype überhaupt erst wieder ausgelöst hat. Und man merkt in jeder Szene, dass hier jemand arbeitet, der diese Welt versteht.
Mit mehr Budget. Aber derselben Idee.
Und trotzdem wundert es mich überhaupt nicht, dass dieser Film die Meinungen spaltet. Man muss sich darauf einlassen. Wer eine klassische Horrorhandlung erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht sein. Denn eigentlich passiert erstaunlich wenig. Zumindest auf Handlungsebene. Dafür passiert unglaublich viel zwischen den Zeilen.
Der Film spielt auf psychologischer Ebene, auf Bewusstseinsebenen und teilweise sogar auf einer Metaebene. Vieles wirkt zunächst wirr, manches fast schon widersprüchlich. Aber nie so, dass der Film sich komplett verliert. Denn eigentlich geht es gar nicht um die Backrooms. Sie sind eher das Mittel als das eigentliche Ziel.
Im Mittelpunkt stehen immer die Figuren. Sie dürfen sich entwickeln. Sie dürfen entdecken. Sie dürfen Angst haben.
Und genau dafür nimmt sich der Film auch für sie erstaunlich viel Zeit. Besonders Renate Reinsve trägt dabei unglaublich viel. Sie schafft es fast ausschließlich über ihre Mimik, diesen Horror auf den Zuschauer zu übertragen. Man sieht ihr an, wie ihre Figur langsam zerbricht. Und genau dadurch beginnt man irgendwann selbst, an allem zu zweifeln.
Was ich dem Film aber wahrscheinlich am meisten anrechne, ist sein Ende. Er erklärt nichts. Oder zumindest längst nicht genug. Auch nach dem Finale bleibt das Mysterium bestehen. Es werden neue Räume geöffnet, neue Fragen gestellt, neue Möglichkeiten angedeutet. Aber Antworten? Kaum.
Und genau das ist wahrscheinlich die beste Entscheidung, die Kane Parsons treffen konnte. Weil die Backrooms schon immer davon gelebt haben, dass jeder seine eigene Theorie entwickelt. Auch ich dachte während des Films immer wieder: Jetzt habe ich es verstanden. Zwei Minuten später war ich mir schon wieder komplett unsicher. Und genau dieses Gefühl macht Backrooms aus. Er erweitert dieses Universum sichtbar, ohne es seiner größten Stärke zu berauben. Dem Unbekannten. Vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser Film so lange nachwirkt. Nicht, weil er dir Antworten gibt. Sondern weil er dich mit Fragen nach Hause schickt. Und manchmal ist genau das der deutlich stärkere Horror.
Verfügbar bei: https://www.justwatch.com/de/Film/backrooms

Schreibe einen Kommentar