Horror, Mystery & Thriller | Erscheinungsjahr: 2025 | Geschaut: 2025 im Kino | Schauspieler: Julia Garner, Josh Brolin, Alden Ehrenreich | Regisseur: Zach Cregger | 2h 9min
8,1/10 Punkte
Warum machen die alle den Naruto-Run?
Schon wenige Minuten in Weapons und jedem sollte klar sein: Hier wird sich noch richtig was getraut. In einer Zeit, in der jeder zweite Film nach einem 08/15-Schema produziert wird, ist es eine sehr angenehme Abwechslung, dass im Horror-Genre noch ordentlich ausprobiert wird. Das hier ist kein Horror von der Stange, kein routiniertes Abarbeiten bekannter Muster, sondern ein Film, der bewusst gegen Erwartungen arbeitet – erzählerisch, strukturell und tonal. Allein die Prämisse aus dem Trailer ist stark genug, um sofort Neugier zu erzeugen. Schon oft habe ich erwähnt, dass viele Filme ein Trailer-Problem haben, doch Weapons nimmt nichts vorweg: keine Spoiler, keine Twists, die vorab aufgedeckt werden. Der Zuschauer wird angelockt, ohne dass ihm bereits alles serviert wird.
Weapons erzählt von einer Kleinstadt, in der mehrere Kinder in derselben Nacht spurlos verschwinden. Was zunächst wie ein einzelnes Verbrechen wirkt, entpuppt sich nach und nach als komplexes Geflecht aus Schuld, Verdrängung und verstörenden Zusammenhängen. Der Film nähert sich dem Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven und setzt die Wahrheit Stück für Stück zusammen, bis klar wird, dass hinter dem Verschwinden weit mehr steckt.
Wie bereits erwähnt, erzählt der Film die Handlung aus verschiedenen Blickwinkeln. Im Fokus stehen die Lehrerin Justin Gandy Julia Garner und der Vater eines verschwundenen Kindes, Archer Graff Josh Brolin. Erst nach und nach fügt sich ein größeres Gesamtbild zusammen. Unterschiedliche Perspektiven, unterschiedliche Tonlagen, unterschiedliche Genre-Gewichte. Wir begleiten die Figuren und erleben gleiche Momente aus verschiedenen Sichten. Dadurch ergibt sich für uns Zuschauer mit der Zeit das Gesamtbild und wir beginnen mitzurätseln, was hinter dem Verschwinden der Kinder steckt. Weapons verlangt Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auch mal bewusst ins Leere laufen zu lassen. Zach Cregger weiß genau, wann er Informationen zurückhält und wann er sie fallen lässt – oft später, als man es erwartet. Das macht den Film unvorhersehbar und sorgt dafür, dass man als Zuschauer nie wirklich die Kontrolle hat. Und genau das ist gewollt.
Das hier ist kein billiger Jump-Scare-Horror. Die Atmosphäre ist das Entscheidende: das Unbehagen, die schier unerträgliche Vorstellung, sein Kind zu verlieren, die Verzweiflung. Der Film fühlt sich schräg an, gruselig, skurril und stellenweise auch unangenehm. Es gibt kein Gefühl von Sicherheit, jede Sekunde wirkt, als könnte gleich etwas passieren. Die Angst wird einem nicht aufgezwungen, sie schleicht sich langsam an. Wir Zuschauer werden hineingezogen und nicht mehr losgelassen. Weapons spielt mit Genregrenzen, wechselt mühelos zwischen Horror, Mystery und Thriller und nutzt diese Übergänge gezielt, ohne dabei seine innere Logik zu verlieren.
Besonders brillieren hier die Darsteller. Alle spielen durchweg stark. Jede Figur hat Ecken und Kanten, und durch die Erzählweise lernen wir sie unaufgezwungen kennen. Eine Figur hat es mir persönlich besonders angetan – ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen: Sie ist ein absolutes Highlight und verschiebt den Film noch einmal in eine völlig neue Richtung. Jeder, der den Film gesehen hat, wird wissen, wovon ich rede. Auch auf technischer Ebene ist Weapons sehr stark: Kamera, Effekte und Bilder sitzen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Vieles wirkt roh, direkt und dadurch umso wirkungsvoller.
Wenn man Weapons etwas vorwerfen kann, dann ist es das stellenweise eigenartige Tempo. Manche Handlungsstränge hätten kürzer sein können, wodurch sich der Film an einigen Stellen etwas zieht. Weapons will nicht gefallen, er will herausfordern. Wer klare Antworten, saubere Auflösungen und klassisches Horror-Handwerk erwartet, könnte hier schnell aussteigen. Wer sich aber auf etwas einlässt, das man so noch nicht gesehen hat, bekommt einen Film, der mit Medium, Genre und Zuschauer spielt – und dabei enorm viel Spaß macht.
Unterm Strich ist Weapons ein mutiger, eigenwilliger und schwer einzuordnender Film. Für Horrorfans ist 2025 ohnehin ein absolutes Top-Jahr, und dieser Film ist einer der Gründe dafür. Nicht perfekt, aber ungewöhnlich, unbequem und genau deshalb so interessant.
Verfügbar bei: https://www.justwatch.com/de/Film/weapons-die-stunde-des-verschwindens
