Komödie, Drama, Sport | Erscheinungsjahr: 2026 | Geschaut: 2026 über Streamingdienst | Schauspieler: Jason Sudeikis, Hannah Waddingham, Jeremy Swift, Brett Goldstein, Brendan Hunt
★ 8,3
Männer verstehen diese Serie nicht und deswegen ist der Hate groß

Vorab zu mir: Ich bin ein weißer, übergroßer, in Europa geborener, heterosexueller Mann. Damit habe ich auf der privilegierten Arschloch-Skala, bis auf eine Millionärs- oder Politikerfamilie, eigentlich 4 von 5 Punkten abgehakt. Das ist ganz wichtig zu wissen, denn das hier wird keine akribische Analyse der Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern in unserer Gesellschaft. Vielmehr möchte ich aufzeigen, wie unglaublich genial Ted Lasso diese Thematiken behandelt und wie peinlich es eigentlich ist, dass ein großer Teil der Männerwelt das nicht sieht oder versteht.
Ganz wichtig: Auch ich verstehe nur einen Bruchteil von dem, was in dieser Staffel behandelt wird. Ich musste stundenlang durch Twitter, Reddit und Co. forsten, um überhaupt im Ansatz nachvollziehen zu können, was hier teilweise zwischen den Zeilen gesagt wird. Und genau das ist für mich einer der faszinierendsten Aspekte dieser Serie.
Denn Ted Lasso ist mal wieder unglaublich gut geschrieben. Man müsste manche Folgen wahrscheinlich fünfmal schauen, um wirklich alles zu bemerken, was hier passiert. Gerade durch die augenscheinliche Leichtigkeit geht unglaublich viel unter. Die Dialoge sind clever geschrieben, die Darsteller haben eine fantastische Dynamik und man gleitet förmlich durch die Gespräche, ohne überhaupt zu merken, wie viel zwischen den Zeilen erzählt wird. Und ich glaube, genau das ist bewusst so gewollt. Diese Serie möchte ihr Publikum nicht mit belastenden Themen überfordern, sondern möglichst viele Menschen erreichen. Diejenigen, die einfach Spaß haben wollen, bekommen ihren Spaß. Diejenigen, die eine emotionale und tiefgründige Serie sehen möchten, bekommen auch das.
Es kommt eben darauf an, wie man Ted Lasso schaut.
Das war schon immer ein wichtiger Bestandteil der Serie. Doch in Staffel 4 wendet sich das Blatt ein Stück weit. Nicht vollständig, aber doch deutlich. Denn diesmal werden Themen behandelt, die eben nicht jeder Zuschauer gleichermaßen nachvollziehen kann.
Bisher standen vor allem tiefgründige Probleme im Mittelpunkt, die eine bestimmte Zuschauergruppe besonders gut verstehen konnte: Männer. Es ging um die Klassiker: Männer dürfen keine Gefühle zeigen. Männer können nicht die Frau haben, die sie wollen. Männer sind von ihrer Familie getrennt, während die Ex-Frau einen neuen Partner hat und das eigene Kind auf einem anderen Kontinent lebt. Natürlich waren das alles unglaublich gut erzählte und geschriebene Geschichten. Und selbstverständlich hatten auch die weiblichen Figuren ihre Konflikte und tiefgründigen Probleme. Aber eben nicht immer mit derselben Art von Perspektive und derselben Tiefe, wie wir sie jetzt in Staffel 4 erleben. Und genau da liegt für mich das Problem.
Ich habe von vielen Seiten mitbekommen, dass die vierte Staffel nicht besonders gut ankommt. Und auch ich war zunächst extrem skeptisch. Nicht wegen des Themas Frauenfußball, sondern weil eine eigentlich wunderbar abgeschlossene Serie wiederbelebt wird, um noch eine Staffel dranzuhängen. Ich hatte wirklich Sorge, dass hier einfach nur ein Studio seine Goldkuh weiter melken möchte. Doch ich konnte kaum fassen, wie schnell mich diese Staffel in ihren Bann gezogen hat.
Es ist unglaublich schwierig, bei einer bestehenden Serie auch nur ein oder zwei neue Figuren einzuführen, ohne dass sie sich wie Fremdkörper anfühlen. Hier bekommen wir neben vier bis fünf bekannten Figuren gefühlt einen komplett neuen Cast.
Und mein Gott, haben die Macher hier den Nagel auf den Kopf getroffen!
Coach Chilton wirkt auf den ersten Blick vielleicht wie ein kleiner Abklatsch von Roy Kent, ist aber innerhalb weniger Minuten zu einer meiner absoluten Lieblingsfiguren geworden. Ich bin unglaublich gespannt, wie sich ihr Charakter im Laufe der Staffeln weiterentwickeln wird. Die Zwillinge haben eine tolle Dynamik und machen extrem viel Spaß. Ich muss zugeben, dass ich mit Boots noch nicht so richtig warm geworden bin, aber auch Figuren wie Gemma und Lizzie fühlen sich sofort wie ein bestehender Teil dieser Welt an. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass eine Figur hier fehl am Platz wäre.
Und das ist wirklich beachtlich. Es zeigt, dass die Macher nicht einfach nur eine weitere Staffel produzieren wollten, sondern sich tatsächlich Gedanken darüber gemacht haben, wie sie diese Welt sinnvoll erweitern können. Das merkt man nicht nur am neuen Cast, sondern auch daran, was mit den bekannten Figuren passiert. Bestehende Handlungsstränge werden weitergeführt, neue Geschichten kommen hinzu und wir bekommen das Gefühl, dass die Welt von Ted Lasso auch ohne uns Zuschauer weiterlebt.
Ja, die erste Folge war vielleicht ein bisschen zu viel Reunion auf einmal. Aber selbst dort war der bekannte Charme ab der ersten Sekunde wieder da. Ab der zweiten Folge wird dann auch deutlicher, wohin die Reise hoffentlich gehen soll. Und spätestens da war ich wirklich angefixt.
Bevor wir jetzt aber tiefer in die Thematik einsteigen, noch einmal ganz wichtig: Ich bin ein privilegierter weißer Mann. Alles, was ich hier sage, ist deshalb mit Vorsicht zu genießen. Ich würde mir niemals herausnehmen, über die Probleme und Erfahrungen von Frauen in dieser Welt zu urteilen oder auch nur im Ansatz zu behaupten, ich könnte sie vollständig verstehen. Das werde ich niemals können.
Das Oberthema dieser Staffel ist klar: Frauenfußball.
Und ich glaube, allein damit hat man schon einen großen Teil der bisherigen Stammzuschauer verloren, bevor überhaupt der erste Trailer erschienen ist. Aber für diejenigen, die trotzdem drangeblieben sind, könnte hier eine der cleversten, zeitgemäßesten und vielleicht sogar wichtigsten Serien der letzten Jahre warten.
Unsere Gesellschaft ist ohnehin schon unfassbar gespalten. Man weiß teilweise gar nicht mehr, wo man überhaupt anfangen soll. Aber ein Thema, das sich durch unsere Gesellschaft zieht, seit wir angefangen haben, sie in ihrer heutigen Form zu organisieren, ist das Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau. Der Kampf um Gleichberechtigung und der Aufwind des Feminismus sind gerade durch Social Media sichtbarer denn je. Und genau in diese Kerbe schlägt Ted Lasso.
Aber nicht irgendwie, sondern mit vollem Anlauf in das Allerheiligste der Männerwelt: Fußball.
Dass es in Ted Lasso nie wirklich primär um Fußball ging, sollte inzwischen jedem klar sein. Aber genau deshalb ist dieses Thema so unglaublich clever gewählt. Die Serie nimmt den wohl größten Männersport der Welt und nutzt ihn, um über die Probleme von Frauen zu sprechen. Und damit meine ich nicht nur die riesige Diskussion darüber, dass Frauen und Männer im Sport nicht gleich bezahlt werden, die eigentlich schon eine eigene Behandlung verdient hätte. Es geht um Alltagsprobleme, Karriereprobleme und gesellschaftliche Strukturen. Um Situationen, die für viele Frauen völlig normal sind, während Männer häufig nicht einmal bemerken, dass sie überhaupt stattfinden.
Natürlich nimmt sich die Serie dabei nicht zurück, offensichtliche Seitenhiebe zu verteilen und entsprechende Sprüche einzubauen. Aber die eigentliche Botschaft ist oft viel subtiler. Und genau das macht diese Staffel für mich so interessant. Ich möchte an dieser Stelle auch konkreter werden, denn der eigentliche Auslöser für diesen Beitrag war ein Post, den ich auf Threads gelesen habe.
Es geht um eine Szene aus der zweiten Folge, in der Ted und Coach Chilton in der neuen Kabine stehen. Schon beim ersten Schauen ist mir aufgefallen, wie viel in ihrem Gesicht passiert. Da sind so viele Emotionen, so viele kleine Veränderungen, die man eigentlich wahrnimmt, ohne sie wirklich einordnen zu können. Als Mann dachte ich natürlich zunächst: „Ach, sie freut sich für die Spielerinnen, ist aber gleichzeitig traurig, weil sie nach allem, was passiert ist, nun geht.“ Aber nein, Pustekuchen! Natürlich freut sie sich.
Aber gleichzeitig ist sie frustriert, weil es offenbar einen Mann gebraucht hat, damit die Spielerinnen endlich diese Kabine bekommen.
Und als ich das gelesen habe, war ich wirklich geschockt. Nicht, weil ich zu dumm gewesen wäre, diesen Gedanken zu verstehen, sondern weil er mir selbst überhaupt nicht gekommen ist. Wie auch? Ich bin ein Mann. Über solche Dinge musste ich mir in meinem Leben schlichtweg keine Gedanken machen. Ich bin ein privilegiertes Arschloch, das in einer Welt aufgewachsen ist, die für Menschen wie mich gemacht wurde.
Natürlich ist es gut, dass Ted in dieser Situation klarstellt, dass Keeley für die Kabine verantwortlich war. Aber genau das ist ja der Punkt: Es hätte überhaupt nicht erst einen Mann gebraucht, der das klarstellt. Und trotzdem ist es ausgerechnet ein Mann, der diese Anerkennung ausspricht und damit die Situation auflöst.
Als ich das verstanden habe, musste ich darüber nachdenken, wie viele solcher Momente ich in dieser Staffel bereits übersehen hatte. Und noch viel schlimmer: Wie viele solcher Situationen habe ich vielleicht schon in meinem eigenen Leben erlebt, ohne überhaupt zu bemerken, was gerade passiert? Wie oft stand ich daneben, habe etwas für völlig normal gehalten und nicht einmal darüber nachgedacht, dass die Situation für eine Frau eine ganz andere Bedeutung haben könnte?
Und ich glaube, genau hier liegt die Stärke dieser Staffel. Sie hält einem nicht ständig ein Schild vor die Nase, auf dem steht, was man gerade falsch macht. Sie lässt einen die Situation erleben. Sie zeigt einem die Emotionen einer Figur, lässt einen zunächst selbst interpretieren und macht einem vielleicht erst später klar, was man eigentlich gesehen hat.
Und plötzlich merkt man, dass man zwar hingeschaut, aber nicht wirklich verstanden hat.
Ganz wichtig: Ich möchte hier jetzt keine große Leier darüber halten, wie leid mir das alles tut, wie schlimm das für Frauen sein muss und dass ich jetzt als weißer Ritter komme, um allen zu helfen. Nein, das ist Quatsch. Ja, es tut mir leid. Ja, es ist schlimm. Aber noch viel schlimmer wäre es, als Mann zu glauben, Frauen bräuchten jetzt einen starken Helfer, der sich vor sie stellt und alles für sie regelt.
Frauen brauchen keinen weißen Ritter. Was es braucht, ist Veränderung. Und die fängt eben auch im Kopf der Männer an. Wir müssen aufmerksamer für solche Situationen werden. Wir müssen lernen, sie überhaupt zu erkennen, und vor allem müssen wir verstehen, dass es nicht immer böse Absicht braucht, damit jemand übergangen wird. Manchmal passiert das schneller, als man überhaupt denken kann. Einfach deshalb, weil wir unser ganzes Leben nicht darauf achten mussten. Frauen hingegen schon.
Dieses System wurde über Jahrhunderte von Männern geprägt und privilegiert Männer in vielerlei Hinsicht. Sich dessen bewusst zu werden und im eigenen Alltag seinen kleinen Teil dazu beizutragen, etwas daran zu ändern, ist eigentlich das Mindeste, was wir tun können.
Und genau deshalb finde ich diese Staffel von Ted Lasso so unglaublich wichtig. Sie versucht nicht, Männer pauschal als böse Menschen darzustellen. Sie zeigt vielmehr, wie leicht es ist, bestimmte Probleme nicht zu erkennen, wenn man selbst nie von ihnen betroffen war. Sie fordert einen dazu auf, genauer hinzuschauen, zuzuhören und sich auch einmal einzugestehen, dass man etwas nicht versteht.
Und vielleicht ist genau das der erste Schritt, um überhaupt etwas zu verändern.
Ich kann nicht beurteilen, wie sich die Erfahrungen, die hier thematisiert werden, für Frauen tatsächlich anfühlen. Ich kann nicht für sie sprechen und ich werde auch nicht so tun, als hätte ich nach ein paar Folgen und einigen Reddit-Beiträgen plötzlich alles verstanden. Aber ich kann versuchen, zuzuhören. Ich kann versuchen, Dinge zu erkennen, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Und ich kann akzeptieren, dass eine Geschichte manchmal mehr erzählt, als ich beim ersten Schauen überhaupt wahrnehme.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich die Reaktionen auf diese Staffel so interessant finde. Wer hier nur eine weitere Staffel Ted Lasso erwartet, in der Ted ein paar Menschen mit seinen Weisheiten hilft, Roy Kent flucht und am Ende alle gemeinsam Fußball spielen, der wird vielleicht enttäuscht sein. Denn diese Serie möchte mehr erzählen. Sie möchte ihre Welt erweitern und Themen in den Mittelpunkt stellen, die für einen Teil ihres Publikums unbequem sein können.
Und genau das sollte eine gute Serie meiner Meinung nach auch dürfen.
Ich war skeptisch, ob es diese vierte Staffel überhaupt gebraucht hätte. Mittlerweile bin ich aber unglaublich froh, dass wir sie bekommen haben. Nicht nur, weil der neue Cast hervorragend funktioniert und die Serie ihren Charme kein bisschen verloren hat, sondern weil sie es schafft, eine Geschichte zu erzählen, die über ihre eigentliche Handlung hinausgeht. Eine Geschichte, die einen dazu bringen kann, die eigenen Gedanken und Perspektiven zu hinterfragen.
Vielleicht verstehe ich am Ende immer noch nur einen Bruchteil von dem, was diese Staffel wirklich erzählen möchte. Aber wenn eine Serie mich dazu bringt, stundenlang über eine einzelne Szene nachzudenken, andere Perspektiven zu suchen und meine eigenen blinden Flecken zu hinterfragen, dann hat sie schon verdammt viel richtig gemacht.
Und vielleicht sollten wir Männer genau das öfter tun: nicht sofort urteilen, nicht alles auf uns beziehen und nicht glauben, dass wir schon verstanden haben, worum es geht. Sondern einfach mal zuhören. Denn manchmal ist das größte Problem nicht, dass wir etwas nicht sehen. Sondern dass wir gar nicht auf die Idee kommen, dass es überhaupt etwas zu sehen gibt.
Verfügbar bei: https://www.justwatch.com/de/Serie/Ted-Lasso/Staffel-4

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