Michael

5 Minuten

Drama, Musik, Biographie | Erscheinungsjahr: 2026 | Geschaut: 2026 über Streamingdienst | Schauspieler: Jaafar Jackson, Colman Domingo, Nia Long | Regisseur: Antoine Fuqua | Laufzeit: 2h 7min

★ 4,2 

„Wenn du gehst, bin ich nicht komplett, wie die Jackson Five ohne Michael“

Michael ist für mich eines der ganz, ganz großen Highlights dieses Jahres. Und gleichzeitig einer der enttäuschendsten Filme. Denn dieser Film hat ein riesiges Problem. Die Dreharbeiten waren offenbar ein einziges Chaos, dazu kamen Rechtsstreitigkeiten, Figuren, die nicht gezeigt werden durften oder sollten, Nachdrehs, gestrichene Handlungsstränge und am Ende Korrekturen, die wohl noch einmal rund 50 Millionen Euro gekostet haben sollen. Und all das merkt man dem Film leider extrem an.

Irgendwann habe ich mich deshalb ernsthaft gefragt: Ist das hier überhaupt noch ein Biopic oder eigentlich nur eine möglichst schöne Wunschdarstellung eines Menschen, der zweifellos einer der größten Musikstars unserer Zeit war, aber eben auch nicht frei von Schuld und Kritik war?

Denn Michael erzählt eigentlich unglaublich viel und gleichzeitig überhaupt nichts.

Das Ganze fühlt sich an wie eine weichgespülte und wunderschön aufbereitete Adaption von Michael Jacksons Wikipedia-Seite. Eine Sequenz beginnt, Michael performt, Schnitt, irgendwelche Bilder, während im Hintergrund der Song weiterläuft, dann ein bisschen belangloses Gerede, wieder eine Performance, Schnitt, Bildersequenz und das Ganze wieder von vorne. Und das ungefähr zwei Stunden lang.

Wirklich Neues erfahre wir hier nicht. Alles, was der Film über Michael Jackson erzählt, hätte man sich vermutlich auch nach fünf Minuten Google-Suche zusammenbauen können. Und das finde ich extrem enttäuschend, weil ich tatsächlich die Hoffnung hatte, hier mehr über den Menschen hinter dieser Figur zu erfahren.

Michael sagt in diesem Film sogar selbst, dass er mysteriös sein möchte. Und genau das war er. Deshalb hatte ich eigentlich die Hoffnung, dass wir hier mehr Einblicke in sein Leben, seine Vergangenheit, seine Gedanken und vielleicht sogar seine Musik bekommen.

Aber sobald der Film auch nur ansatzweise in diese Richtung geht, macht er einen Moonwalk drum herum und schneidet zur nächsten Performance.

Es werden Themen angedeutet, angeschnitten und teilweise sogar ausgesprochen, aber so richtig Tacheles will hier niemand reden. Besonders auffällig ist das bei dem Brandunfall, der einen riesigen Einschnitt in Michaels Leben darstellte und in dessen Folge auch seine Drogensucht begann. Der Film deutet das alles mit einem kleinen Augenzwinkern an und geht dann weiter, als wäre nichts gewesen. Und genau dieses Gefühl zieht sich eigentlich durch den gesamten Film.

Als würde man um jeden Preis verhindern wollen, dass das glänzende Monument Michael Jackson auch nur einen Kratzer bekommt. Dabei gäbe es auf der kritischen Seite so unglaublich viel zu erzählen. Gerade das, was Michael in seiner Kindheit passiert ist und wie sehr ihm diese Kindheit eigentlich genommen wurde, hätte für mich eine der emotionalen Säulen dieses Films sein müssen. Stattdessen wird das alles irgendwie nebenbei abgefrühstückt.

Dafür bekommen wir dann Szenen, in denen Michael einem CGI-Affen ein Buch zeigt. Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu noch sagen soll.

Auch sein Vater wird deutlich sanfter dargestellt, als man ihn eigentlich darstellen müsste. Seine Mutter kommt ebenfalls ziemlich glimpflich davon. Und die emotionale Erpressung sowie das erzwungene Weitermachen mit seinen Brüdern werden teilweise so erzählt, als wäre das alles einfach Michaels eigene Entscheidung gewesen.

Es fühlt sich so an, als wäre die gesamte Geschichte von Michael Jackson literweise mit Weichspüler übergossen worden.

Einen ziemlich bitteren Beigeschmack bekommt das Ganze dann natürlich auch dadurch, dass im Abspann die Jackson Estate als Geldgeber auftaucht. Was mich allerdings fast noch mehr ärgert, ist die Tatsache, dass der Film eigentlich gar nicht schlecht aussehen müsste. Denn sobald es um Michael Jackson als Künstler geht, funktioniert Michael plötzlich.

Die Performance- und Musiksequenzen sind teilweise fantastisch eingefangen. Mit heutiger Technik macht es einfach unglaublich viel Spaß, diese Songs und Auftritte auf der großen Leinwand zu sehen.

Und dann kommt Jaafar Jackson. Ich glaube, für diese Rolle hätte man kaum jemanden besser besetzen können. Man hat teilweise wirklich das Gefühl, dass der echte Michael gerade über die Leinwand tanzt. Jaafar hat sich so intensiv auf diese Rolle vorbereitet und sich offensichtlich derart in seinen Onkel hineinversetzt, dass er für mich vielleicht sogar das Einzige an diesem Film ist, was Michael Jackson wirklich würdig wird.

Und trotzdem hatte ich am Ende ein ziemlich seltsames Gefühl. Als der Abspann lief, war ich wirklich kurz verwundert und dachte mir: Das war’s jetzt? Ehrlich.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass es hier überhaupt einen richtigen roten Faden gab.

Auch vom Erzähltempo fühlte es sich für mich überhaupt nicht so an, als wäre jetzt schon der Punkt erreicht, an dem ein Abspann kommen müsste. Und das ist umso verrückter, weil der Film eigentlich viel zu viel in seine Laufzeit stopft. Antoine Fuqua versucht, gefühlt jedes wichtige Kapitel aus Michaels Leben irgendwie noch unterzubringen, hat aber gleichzeitig überhaupt nicht das richtige Händchen dafür, welche Dinge tatsächlich erzählt werden müssen.

Ich habe mich deshalb ziemlich oft gefragt: Warum zeigt ihr mir jetzt genau diese Szene, aber kürzt dafür die andere? Und genau da könnte auch die mögliche Aufteilung in zwei Teile interessant werden. Wenn tatsächlich noch ein zweiter Film kommt und dieser deutlich mehr in die Tiefe geht, könnte das den ersten Teil rückblickend vielleicht sogar in ein anderes Licht rücken. Denn Michael fühlt sich teilweise wirklich eher wie ein Intro an. Wie der Anfang eines Films, der eigentlich noch gar nicht richtig angefangen hat.

Vielleicht schafft der zweite Teil genau das, was mir hier gefehlt hat: mehr Tiefe, mehr Ernsthaftigkeit und vor allem mehr Mensch hinter der Ikone. Wollen wir es hoffen.

Denn so bleibt bei mir vor allem eine riesige Diskrepanz zurück. Auf der einen Seite sehe ich fantastische Performances, großartige Musiksequenzen und Jaafar Jackson, bei dem ich teilweise wirklich dachte, Michael selbst würde vor mir stehen. Auf der anderen Seite bekomme ich einen Film, der über Michael Jackson unglaublich viel erzählt, ohne mir wirklich etwas über Michael Jackson zu erzählen.

Wer sich hier zwei Stunden lang – die sich übrigens deutlich kürzer anfühlen – von Michael-Jackson-Sequenzen und seiner Musik berieseln lassen möchte, bekommt genau das. Wer allerdings wirklich mehr über den Menschen hinter der Künstlerfigur erfahren möchte, sollte sich meiner Meinung nach lieber eine Dokumentation über ihn anschauen. Oder einfach fünf Minuten googeln.

Verfügbar bei: https://www.justwatch.com/de/Film/michael-2025-0


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert